Wenn Blicke verletzen

Sie gehen mit Ihrem Kind einkaufen. Schon am Morgen war spürbar, dass dieser Tag herausfordernd werden könnte. Mit viel Geduld konnten Sie die ersten Unmutsäußerungen Ihres Kindes begleiten. Wirklich entspannt fühlt sich die Situation aber nicht an.

Im Supermarkt angekommen, steigt die Unruhe Ihres Kindes erneut. Gleichzeitig wächst auch Ihr eigener Stress. Sie möchten den Einkauf möglichst rasch erledigen. Ihr Kind möchte am liebsten sofort wieder hinaus. Die Anspannung nimmt auf beiden Seiten zu. Ihr Kind wird immer lauter, schließlich schreit es, schlägt oder zwickt. Sie versuchen, ruhig zu bleiben und sich zu schützen. Doch was Sie auch tun, in diesem Moment hilft nichts.

In Momenten großer Überforderung übernimmt bei Kindern, dem jeweiligen Alter entsprechend, das Stresssystem die Führung. Denken, Zuhören oder vernünftige Lösungen sind dann kaum möglich. Ihr Kind entscheidet sich nicht bewusst für dieses Verhalten – sein Gehirn versucht gerade, mit einer Situation umzugehen, die es alleine noch nicht bewältigen kann.

Das gilt übrigens auch für Erwachsene. Wenn wir uns beobachtet, bewertet oder hilflos fühlen, steigt unser eigener Stresspegel. Dann fällt es auch uns schwer, ruhig zu bleiben. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine normale Reaktion unseres Nervensystems.

 

Und dann die Blicke

Manche Menschen reagieren verständnisvoll, andere mit Unverständnis. Wieder andere schauen einfach hin, ohne etwas zu bewerten. Unser gestresstes Gehirn nimmt allerdings besonders schnell mögliche Kritik wahr. Vielleicht tauchen Gedanken auf wie: „Alle denken, ich habe mein Kind nicht im Griff.“ Oder: „Ich mache alles falsch.“

 

Wenn Sie solche Situationen kennen – Sie sind damit nicht allein.

Vielleicht kennen Sie den Wunsch, in diesem Moment einfach unsichtbar zu sein. Oder den Gedanken, möglichst schnell aus der Situation zu fliehen. Solche Gefühle erleben viele Eltern – und sie sagen nichts darüber aus, ob Sie eine gute Mutter oder ein guter Vater sind.

Gerade in herausfordernden Momenten geraten Eltern unter Druck. Dabei sieht niemand von außen, was Ihrem Kind gerade schwerfällt, was Sie bereits versucht haben oder wie viele anstrengende Situationen Sie an diesem Tag schon gemeistert haben. 

Kinder reagieren in belastenden Situationen nicht, um Sie als Eltern bloßzustellen oder Ihnen etwas zufleiß zu tun. Denn das (auch herausfordernde) Verhalten eines Kinder hat immer einen guten Grund. Im oben genannten Beispiel zeigt das Kind mit seinem Verhalten, dass es gerade überfordert ist und Unterstützung braucht.

 

Ein anderer Blick auf die Situation

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun beschreibt, dass jede Äußerung und jedes Verhalten etwas über die Person aussagt, von der es kommt. Das heißt, das, was jemand zu Ihnen sagt oder auch über Sie denkt, das sagt bloß etwas über diese Person aus. Ich finde das sehr entlastend.

Die Blicke oder Kommentare anderer Menschen erzählen etwas über deren Erfahrungen, Erwartungen oder Bewertungen. Nichts über Sie oder Ihr Kind. Sie können das ruhig beim anderen lassen, Sie müssen sich nicht für alles verantwortlich fühlen. Schon gar nicht, wenn Sie darauf ohnehin keinen Einfluss haben. 

Mindestens genauso wichtig ist aber die Frage: Wie sprechen Sie in solchen Momenten mit sich selbst?

Viele Eltern sind ihre strengsten Kritiker. Dabei geben sie Tag für Tag ihr Bestes – auch wenn nicht jeder Moment gelingt. Selbstmitgefühl bedeutet nicht, Schwierigkeiten kleinzureden. Es bedeutet, freundlich und nett zu sich zu sein – gerade dann, wenn etwas nicht so läuft, wie man es sich wünscht.

 

Sie müssen nicht allen gefallen

Jeder Mensch wünscht sich Anerkennung, Verständnis und Zugehörigkeit. Deshalb können abwertende Blicke besonders schmerzen. Vielleicht erinnert Sie dies aber auch an eine Erfahrung aus Ihrer Vergangenheit? Heute können Sie entscheiden, ob diese Wertung von Fremden wirklich wichtig für Sie ist. 

Doch wenn die Aufmerksamkeit vor allem bei den Menschen rundherum ist, bleibt weniger Kraft für das, was in diesem Moment wirklich zählt: die Verbindung zu Ihrem Kind und zu sich selbst.

Sie können nicht steuern, was andere denken. Sie können jedoch entscheiden, worauf Sie Ihren Fokus richten.

 

Was Ihr Kind von Ihnen lernt

Kinder orientieren sich an uns und beobachten genau. Sie erleben, wie wir mit schwierigen Situationen umgehen – und genauso erleben sie auch, dass wir Fehler machen, uns entschuldigen und wieder zueinanderfinden. Gerade darin liegt eine wichtige Lernerfahrung.

Wenn sie erleben, dass wir trotz Unsicherheit bei ihnen bleiben, vermitteln wir Sicherheit. Wenn wir freundlich mit uns selbst umgehen, lernen auch sie, dass Fehler, Überforderung oder starke Gefühle zum Leben gehören.

Das bedeutet nicht, dass Ihnen das immer gelingt. Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Erwachsene, die bereit sind, immer wieder in Beziehung zu gehen – auch nach schwierigen Momenten.

 

Mein Fazit

Wenn Ihr Kind beim Einkaufen oder in einer anderen Situation von den vielen Reizen überfordert ist, braucht es vor allem eines: Ihre Begleitung.

Versuchen Sie, Ihre Aufmerksamkeit immer wieder zu Ihrem Kind zurückzubringen – und auch zu sich selbst. Die Menschen um Sie herum kennen Ihre Geschichte nicht. Sie wissen nicht, was Ihr Kind gerade braucht und welchen Weg Sie bereits gemeinsam gegangen sind. Und ganz ehrlich: wichtig sind Sie und Ihr Kind. Nicht die umstehenden Personen. 

Wenn Sie merken, dass Ihr Blick immer wieder zu den anderen Menschen wandert, fragen Sie sich innerlich: „Was braucht mein Kind gerade?“ und „Was brauche ich und wie kann ich diese Situation verändern?“ Diese beiden Fragen lenken Ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem, was Sie tatsächlich beeinflussen können.

Vielleicht wird der nächste Einkauf nicht perfekt. Vielleicht wird es wieder laut. Jedes Mal jedoch, wenn Ihr Kind erlebt, dass Sie trotz der Herausforderung an seiner Seite bleiben, wächst etwas Wertvolles: Vertrauen – in sich selbst, Ihre Beziehung und auch Ihr Kind. Dort beginnt Entwicklung. Ihr Kind lernt ganz nebenbei, sich selbst zu vertrauen.

Bleiben Sie dran. Es lohnt sich.

Sie und Ihr Kind dürfen Ihren eigenen Weg gehen.

Herzlich,

Irina Langer

 

Ich bin Familien- und Erziehungsberaterin in Linz, Oberösterreich. Herausforderndes Verhalten von Kindern – von Gewalt bis zu Rückzug – gehört zu den Schwerpunkten meiner Arbeit in meiner Praxis für Erziehungsfragen · pädagogische Fachberatung · Supervision.  Schauen Sie gerne vorbei, wenn Sie mehr über mich und meine Arbeit erfahren möchten. 

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